Mieter Helfen Mietern Hamburger Mieterverein e.V.

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Viele Hamburger wollen auf dem Wasser wohnen
Nur Wenigen ist es bisher vergönnt

Hamburg ist stolz darauf, mehr Brücken als Venedig zu haben. Die malerischen Kanäle und alten Hafenbecken der Hansestadt fordern gerade dazu auf, die Zahl der Hausboote auf diesen Wasser­läufen zu steigern. Vor etlichen Jahren wurde ein Programm zum Wohnen auf dem Wasser beschlossen. Danach tat sich erstmal gar nichts. Stattdessen sucht die Hamburger Hafenverwaltung immer häufiger den Streit mit den alteingesessenen Hausbooteignern. Denn die haben meist wenig Geld und bringen deshalb auch nichts für den Stadtsäckel. Der Verdacht besteht, sie sollen von den angestammten Liegeplätzen verschwinden, damit potente Investoren zum Zuge kommen können.
Wir starten eine Rundreise durch hafennahe Bootsquartiere. Wir treffen idyllische, selbstgebaute Holzschiffe an romantischen Liegeplätzen und wir staunen über hochpreisige Designer-Boote in prominenter Lage auf innenstadtnahen Kanälen. Ein Kontrastprogramm.

Holger Buhr wohnt seit über 20 Jahren auf seinem Wohnschiff in der Billwerder Bucht und ist glücklich. „Ich bin gerne für mich alleine und ich genieße es, dass ich von allen Seiten Licht und Sonne bekomme.“ Sein Boot ist 16 Meter lang, knapp 4 Meter breit, die Wohnfläche beträgt rund 35 Quadratmeter. Das Leben des Schiffers spielt sich sowieso meist draußen ab, viel Innenraum braucht er also nicht.
Die Hafenverwaltung Hamburg, die sich heute Port Authority (HPA) nennt, hat ihm kürzlich die offizielle "wasserrechtliche Genehmigung" für den Liegeplatz entzogen. Sie drohte mit Zwangsgeld und wollte ihn an den Haken nehmen, wenn er nicht freiwillig abzöge. Begründung der Behörde: Holger Buhr betreibe dort keine "hafenkonforme Nutzung". Reines Wohnen sei im Hafen nun mal untersagt. „Dass das den Hafen-Offiziellen 20 Jahre nach meinem Einzug einfällt, finde ich mehr als verdächtig“, stellt der Bootseigener verärgert fest.
Tatsächlich kündigte sich sein Rausschmiss aus dem Hafen bereits im Herbst 2007 an. Die Hafenbosse sperrten seinerzeit kurzerhand die alte Brückenkonstruktion, die zu seinem Ponton führte. Sie sei nicht mehr verkehrssicher und eine Reparatur viel zu teuer. Inzwischen ist die Brücke tatsächlich demontiert und Holger Buhr war einige Zeit mit dem Schlauchboot zwischen seinem Refugium und dem Ufer unterwegs. „Man hat den Rost an der Brücke wüten lassen, bis kaum noch was zu retten war“, klagt der Hausboot-Pionier. Bemühungen, einen anderen Liegeplatz außerhalb des eigentlichen Hafengebiets zu finden, sind von vorneherein zum Scheitern verurteilt. "Zu teuer" argumentiert Buhr, der nach eigenen Angaben von weniger als 500 Euro Rente lebt. Für den Liegeplatz in der Billwerder Bucht musste er rund 200 Euro im gesamten Jahr zahlen. Theoretisch könnte er ja in eine Sozialwohnung ziehen und dabei den Staat zur Kasse bitten, aber eben nur theoretisch: „Ich habe so lange schon auf dem Wasser gelebt, ich kann gar nicht mehr anders und deshalb bleibe ich hier, egal, was kommt."
Holger Buhr hat Prozesskostenhilfe erhalten und klagt nun gegen die Hafenverwal–tung. David gegen Goliath. David ist Opti-mist. Sein Boot mit dem Villa-Kunterbunt-Charme wird schon nicht untergehen.

Investoren schielen auf die Liegeplätze

Spreehafen im südlichen Hafengebiet. Hier dümpeln Hausboote, umgebaute Schuten und Schwimmpontons dicht an dicht. Ein schönes Fotomotiv für die Bilderbuchseite der Hamburger Hausboot-Idylle. Doch gibt es diese Idylle wirklich? Mit der beschaulichen Ruhe ist es hier jedenfalls erst einmal vorbei. „Die Leute von der Hafenverwaltung wollen immens viel Geld sehen, aber lieber noch die Heckleuchten der wegziehenden Hausboote“, sagt ein langjähriger Nutzer. Auch hier wurde vor Gericht ge­stritten.
Wie anderswo auch sind im Spreehafen den Menschen, die hier behördensprachlich „Wasserlieger“ genannt werden, nur „hafenkonforme Nutzungen“ gestattet. Doch natürlich gibt es viele Grauzonen. Da ist jemand offiziell Hafenbetrieb, nutzt sein schwimmendes Refugium aber nach Feierabend auch zum Wohnen. Bisher haben alle Seiten die Augen zugedrückt. Und auch die Kosten haben in der Ver­gangenheit niemanden in den Ruin getrieben. Bisher zahlten die Nutzer für ihren Liegeplatz etwa 300 Euro im Jahr. Jetzt dreht die Hafenverwaltung gewaltig an der Kostenschraube. „Manche von uns sollen jetzt das Zehnfache klaglos auf den Kom­büsentisch zählen“, ärgert sich ein Nutzer, der aus Angst vor den Hafen-Offiziellen seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Wir sollen hier weg, damit Inves­toren den großen Reibach machen können.“

Wie aus einer alten Schute ein Schmuckstück wird

8.000 Euro hatte Ragnar Scholz vor zwei Jahren für eine abgewrackte Schute bezahlt. Kein Schnäppchen, eher ein normaler Einstandspreis. Der Zimmerer-Meister zog seinen noch schwimmfähigen Kahn in die Nähe des alten Wasserwerkes Kaltehofe und krempelte die Ärmel hoch.
„Wer in seinem Leben schon Hundert Häuser gebaut hat, wird wohl auch noch ein kleines Hausboot schaffen“, sprach er sich selbst Mut zu. Aber bei einem Hausboot sind nicht nur die Fachkenntnisse eines Zimmerers gefragt, hier muss geschweißt werden, hier müssen Stromleitungen verlegt und Trink- und Abwasserleitungen eingezogen werden. Kurzum: Nur handwerkliche Allrounder haben eine Chance, so ein Schiff auch wirklich zu vollenden. Zwei Jahre hat es gedauert, bis Ragnar Scholz sagen konnte: Ja, so hab ich mir das vorgestellt. Der Aufenthaltsraum ist gemütlich, seine Werkstatt im Rumpf der Schute ist vollständig eingerichtet. Die behördlichen Anforderungen in Sachen Kippstabilität und Unsinkbarkeit sind erfüllt. Und versichert gegen Havarien und andere Plagen hat er „Tante Käthe“ auch. Was kostet der Spaß? Der Bootseigner lässt sich Zeit für seine Antwort: „Eine Eigentumswohnung in Ottensen dürfte nur unwesentlich teurer sein. Aber hat Ottensen einen Strand?“

Teure Heimat Eilbekkanal

Lange hat´s gedauert, jetzt haben vor Kurzem fünf niegelnagelneue Hausboote auf dem Eilbekkanal festgemacht. Dieser Standort ist einer von mehreren, den die Stadt Hamburg vor einigen Jahren für Wohnschiffe ausgewiesen hatte – und der bisher einzige, der erkennbare Fortschritte macht. Alle fünf Boote sind von Architekten angefertigte Unikate und deshalb auch nicht ganz billig.
Der Eilbekkanal ist der kanalisierte Abfluss der Wandse und er mündet einen Kilometer weiter in die Außenalster. Man könnte mit dem Ruderboot in 20 Minuten das Hotel Vier Jahreszeiten an der Binnenalster erreichen. Die gleichen Preisklassen besitzen Hausboote und Premiumhotel allemal. Für 595.000 Euro verspricht der Makler 166 Quadratmeter Gediegenheit und Ruhe unter „von Weidenbäumen gesäumtem Ufer und der prächtigen Kulisse alter Stadtvillen“. Ein PKW-Stell-platz ist inklusive und die Wärme für die Raumheizung kommt von einer hochmodernen Wasser-Sole-Heizung, die ihre Heizenergie über einen Wärmetauscher aus dem Kanal gewinnt. Strom, Frisch- und Abwasser fließen über die normalen Versorgungsleitungen, die am Ufer ohnehin unter der Straße liegen. Technik und Komfort gehen hier Hand in Hand.

Ein Hausboot mieten?

Bisher galt: Wer auf dem Wasser wohnen will, muss kaufen oder pachten. Doch in der Billemündung könnte auch das Mieten eines Wohnbootes bald für Landratten möglich und erschwinglich werden: Dort plant die Baugenossenschaft Freier Ge­werk­schafter (www.bgfg.de) preiswerte Mietboote. Im nächsten oder übernächsten Jahr könnte das Projekt starten, wenn es nicht – wie so viele andere Wunschträume davor – ins Wasser fällt. Denn in Sachen Hausboote fehlt in Hamburg an allen Ecken und Enden die sprichwörtliche Hand­breit Wasser unterm Kiel.

Rainer Link

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