Stadtentwicklung in Wien:
Es geht auch anders
In der letzten Mietraum² Ausgabe zeigte Fabian Mesecke anhand der Hamburger Wohnungspolitik: eine unzureichende soziale Wohnungspolitik führt zu mehr sozialer und stadträumlicher Spaltung. Dass es auch anders geht, zeigt er am Beispiel Wien.
Wien ist anders
Mit diesem Slogan behauptete die österreichische Hauptstadt lange Zeit, dass sie sich wesentlich von anderen europäischen Metropolen unterscheide. Zumindest für den Bereich des Wohnens trifft dies zu, wie ein Vergleich mit Hamburg zeigt.
Mehr Wohnungen als Haushalte
Wien und Hamburg zählen zu den wirtschaftlich prosperierenden Regionen in Europa. Auch in demografischer Hinsicht sind beide Städte mit ihren jeweils etwas mehr als 1,7 Millionen Einwohnern vergleichbar. Ähnlich wie in Hamburg sorgt auch in Wien die hohe Attraktivität der Stadt in den letzten beiden Jahrzehnten für einen kontinuierlichen Bevölkerungsanstieg. Mit der Einwohnerzahl wächst auch der Bedarf nach Wohnraum. Aber anders als in Hamburg wird die öffentliche Förderung des Wohnungsbaus in Wien nicht heruntergefahren, sondern auf hohem Niveau fortgeführt. Im Jahr 2007 wurden dort beispielsweise ca. 6.800 Woh–nungen und Eigenheime gefördert, in Hamburg waren es gerade noch 1.641. Aufgrund der konstant hohen Neubauleistung herrschen auf dem Wiener Wohnungsmarkt trotz des Nachfrageanstiegs relativ entspannte Verhältnisse. Seit den 1980er Jahren übersteigt das Angebot an Wohnungen (947.025 im Jahr 2007) die Zahl der Haushalte (823.541 im Jahr 2007). In Hamburg ist es andersrum (883.045 Wohnungen und 960.000 Haushalte im Jahr 2007).
Niedrige Mieten
Ein großer Teil des Wiener Wohnungsangebots (ca. 220.000 Wohnungen) ist Eigentum der Gemeinde. Jede vierte Wohnung befindet sich in einer der vielen Gemeindebauanlagen, die fast überall im Stadtgebiet verteilt liegen und für ein preiswertes Wohnungsangebot sorgen. Über einen ebenfalls beachtlichen Wohnungsbestand verfügen die gemeinnützigen Wohnungsunternehmen. Dank der geltenden Prinzipien der Gemeinnützigkeit, z.B. Gewinnbeschränkung und Kostendeckung, bleiben die Mieten auch in diesem Bereich langfristig günstig. Durch akzeptierte Wohnungsbauförderung wächst das Angebot an entsprechenden Wohnungen seit Jahren ausreichend und stetig. Das umfangreiche öffentliche und gemeinnützige Wohnungsangebot sorgt insgesamt für ein vergleichsweise niedriges Mietenniveau. Im Jahr 2006 lag die durchschnittliche Bruttokaltmiete in Wien bei 5,09 Euro, in Hamburg dagegen bei 7,37 Euro pro m2. Dieser deutliche Unterschied kann auch durch haushaltsbezogene Förderinstrumente, wie das Wohngeld, nicht ausgeglichen werden. Trotz staatlicher Zuschüsse zur Miete müssen Haushalte in Deutschland nachweislich einen deutlich höheren Anteil ihres Einkommens für die Wohnkosten aufbringen als in Österreich.
Weniger Verdrängung
Auch im Bereich der Modernisierungsförderung wird in Wien mehr getan als in Hamburg. Seit 1980 wurden deutlich mehr Wohnungen mit Hilfe öffentlicher Mittel saniert als in Hamburg. Bemerkenswert ist neben den hohen Förderzahlen aber vor allem die angewandte Strategie der sanften Stadterneuerung, die einer Verdrängung der alteingesessenen Bewohner entgegenwirkt. So sind Mieterhöhungen infolge von Sanierungen langfristig enge Grenzen gesetzt. Zudem können Haushalte mit niedrigem Einkommen zusätzliche Beihilfen zur Deckung der Wohnkostensteigerungen erhalten. Auf diese Weise können sozialräumliche Verdrängungsprozesse zumindest verlangsamt werden. Der Wiener Weg führt also nicht nur zu vergleichsweise niedrigen Mieten, sondern fördert zusätzlich den Erhalt einer sozial durchmischten Stadt. Vergleicht man die Verteilung der Wohnstandorte benachteiligter Haushalte im Stadtgebiet, so zeigt sich, dass das Ausmaß der sozialen Entmischung in Wien dauerhaft unter dem Niveau Hamburgs liegt. Großräumige Problemgebiete sind in der Donaumetropole nicht vorzufinden. Vielmehr wird einer Spaltung der Stadt in Wohnquartiere für ärmere und für reichere Bevölkerungsgruppen mit Hilfe einer weitsichtigen Wohungs- und Stadtentwicklungspolitik entgegengewirkt.
F. Mesecke: Wohnen und Wohlfahrt in Österreich und
Deutschland. Eine vergleichende Untersuchung am Beispiel
der Städte Wien und Hamburg, Saarbrücken: VDM, 2010










