Autonom Wohnen im Alter
Es gibt Alternativen zum Altersheim
Schon bald wird in Hamburg jeder vierte Einwohner 60 Jahre und älter sein. Eine heute 60-jährige Frau kann aufgrund der guten medizinischen Versorgung statistisch betrachtet damit rechnen, weitere 23 Jahre zu leben, ein Mann 19 Jahre. Für viele Ältere stellt sich die Frage, wie wohne ich, wenn ich nicht mehr so rüstig wie heute bin? Die Leute wollen möglichst in der eigenen Wohnung bleiben, gegenüber Alten- und Pflegeheimen gibt es gut begründete Ängste: Das stark regulierte Leben und den begrenzten persönlichen Lebensraum im Heim empfinden viele als bedrückend. Das „Betreute Wohnen“ dagegen verbindet die persönliche Autonomie im eigenen Wohnraum mit einer breiten Palette an abrufbaren Serviceangeboten. Wir haben uns in der Seniorenwohnanlage „Am Elbpark“ im Stadtteil St. Pauli umgesehen.
Die Empfangshalle erinnert mit ihren vielen Sitzecken, der Rezeption und dem offenen Übergang ins Bistro an die Lobby eines größeren Mittelklassehotels. Hier wird geschnackt, die Zeitung gelesen oder einfach nur geguckt, was andere machen. Eine Tür führt in einen recht großen, parkähnlichen Innenhof, der mit seinen Gartenmöbeln bei gutem Wetter der beliebteste Ort der ganzen Anlage ist.
In der Empfangshalle treffen wir Karl Hofsteter und Udo Falkenberg. Herr Hofsteter ist Rollstuhlfahrer und wohnt deshalb in einer der wenigen behindertengerechten Wohnungen am Elbpark. Die meisten Wohnungen sind lediglich altengerecht gestaltet. Udo Falkenberg, hatte lange in St. Pauli gewohnt und als es allein nicht mehr ging, kam er zunächst in ein Heim. „Das ging mir so was auf den Senkel, da musste ich schnell wieder weg.“ Hier, in seiner altengerechten Wohnung, geht es ihm wieder so gut, dass er allein zurecht kommt. „Hier kann man im Bistro Essen gehen oder sich Essen kommen lassen, und wenn einem was fehlt, hat man immer Ansprechpartner.“ Karl Hofsteter wohnt seit acht, Udo Falkenberg seit fünf Jahren im Betreuten Wohnen, eine Zeitspanne, die wohl ausreicht, sich ein Urteil zu bilden: „Gut hier“, sagt Hofsteter, „Ich komm hier klar“, sagt Falkenberg. „Zu meckern ham wir eigentlich nix“, ergänzen beide.
Ein Apartment ohne Barrieren
Mieterin Anneliese Engling ist seit einem Jahr Bewohnerin im Elbpark. Vorher wohnte sie in einer recht verwinkelten Zweizimmerwohnung im ersten Stock eines Mietshauses in Alsterdorf. Das Treppensteigen fiel ihr immer schwerer und die Badewanne war praktisch nicht mehr zu benutzen. Hier am Zirkusweg in St. Pauli hat sie einen Fahrstuhl, ihr Bad ist absolut barrierefrei und alle Türen ihres Apartments sind extrabreit. Stufen und Schwellen gibt es nirgends. Alle Wohnungen haben einen Balkon. „Einen § 5–Schein brauchte ich und etwas Geduld, bis ich eine Wohnung angeboten bekam. Jetzt zahl’ ich knapp 10 Euro für den Quadratmeter und da ist alles enthalten. Sogar das Fensterputzen.“
Was einige Mieter stört
Jutta Wunderlich ist Mieterin der ersten Stunde am Elbpark. Im Haus selbst, sagt sie, wäre alles in Ordnung. „Aber der Krach draußen, das geht einem schon mal über die Hutschnur. Jedes Jahr haben wir den Schlager-Move vor der Tür, dann kommen die Harley-Days und jetzt grölen hier die Fußball-Fans durchs Viertel.“ Ein kleines, kulturelles Problem sieht Frau Wunderlich in der sozialen Schichtung der Bewohnerschaft „Wir haben hier ein paar ältere Männer, direkt vom Kiez, die mit ihren Tätowierungen in Feinripp-Unterhemden durch die Halle marschieren und flotte Sprüche klopfen. Das wirkt auf manche Bewohner recht befremdlich.“
Frau Petersen wird‘s schon richten
Anja Petersen ist Sozialpädagogin und gemeinsam mit einer Kollegin für die Betreuung der Bewohner zuständig. Bevor sie Sozialpädagogik studierte, arbeitete sie in der Krankenpflege. Das gibt ihr heute die Kompetenz, ihre Bewohner nicht nur in sozialen, sondern auch in Gesundheitsfragen beraten zu können. Mit jedem einzelnen Bewohner hat sie einen Betreuungsvertrag abgeschlossen. Ein Vertrag, der sie verpflichtet, den Bewohnern bei Anträgen und behördlichem Schriftwechsel zu helfen, ihnen bei Bedarf einen ambulanten Pflegedienst zu vermitteln, im Krankheitsfall einen Arzt ins Haus zu holen und schließlich muss sie noch für ein Kultur- und Freizeitprogramm sorgen. 44 Euro kostet diese Betreuung im Monat und liegt, was den Leistungsumfang und den Preis betrifft, im unteren Bereich. „Es gibt auch Verträge über Betreutes Wohnen, da ist eine kostenlose Pflegezeit von 10 Tagen pro Jahr vereinbart. Das kostet dann aber natürlich deutlich mehr. Im Bereich des Betreuten Wohnens gibt es praktisch keine festen Standards. Bevor man sich für ein Haus entscheidet, soll man deshalb sehr genau hinschauen, welche Leistungen zu welchem Preis angeboten werden“, sagt Anja Petersen. Und man soll sich auch sehr genau anschauen, wer bereits in dem Haus wohnt und in welchem sozialen Umfeld es liegt. Für das Betreute Wohnen am Elbpark, sagt die Sozialpädagogin, wäre es wichtig, dass sich der Interessent klarmacht, dass es sich um eine Anlage mitten im Herzen von St. Pauli handelt. „Wer die Ruhe eines Hauses am Waldrand liebt, kann hier nicht glücklich werden.“
Immer im Dienst
Ohne sie geht gar nichts im Haus: Die Männer und die Frau vom Empfang sind unverzichtbar – da sind sich alle Bewohner einig. Hier mal eine Tasche tragen, da mal eine Glühbirne wechseln, hier mal eine Mahlzeit in den dritten Stock schaffen: Frau Christina Martin und Erik Lewandowski sind immer bereit, den Bewohnern behilflich zu sein. Und auch für die Sicherheit im Haus sind sie zuständig. Besucher werden höflich nach ihrem Anliegen gefragt und es wird darauf geachtet, dass Fenster und Türen geschlossen sind. Ihre Empfangsloge ist von 7 Uhr bis 22 Uhr 30 geöffnet. Für ihr umsichtiges Arbeiten werden Frau Martin und Herr Lewandowski recht schlecht bezahlt. Beide sind Ein-Euro-Jobber – sie seit vier Jahren, er seit zwei Jahren. Ein festes, tariflich bezahltes Arbeitsverhältnis – das wäre mehr als angemessen, sagen die Bewohner.
„Schreiben Sie doch mal in ihrer Zeitung, dass SAGA/GWG dafür sorgen soll, dass die Leute vom Empfang endlich ordentlich bezahlt werden“, gibt uns eine Runde der Bewohner in der Halle mit auf dem Weg. Was wir hiermit gemacht haben.
Was man bei der Suche nach einer Betreuten Wohnanlage beachten sollte:
Betreutes Wohnen, Begleitetes Wohnen, Wohnen mit Service, Seniorenresidenz – die Begriffe verwirren selbst den Fachmann. Es wir empfohlen vor dem Einzug in eine Wohnanlage gedanklich einen Kreis von 300 bis 500 Metern um die Anlage zu ziehen. In diesem Kreis könnte sich schließlich das Leben abspielen, wenn man geh- oder anderweitig behindert ist. Deshalb sollte es in der Umgebung der neuen Wohnung etwas Grün, interessante und abwechslungsreiche Wege, Bänke für eine Ruhepause und breite und ebene Bürgersteige geben. Dann sollte man prüfen, welche Einkaufs-, Sport- und Kulturstätten in der Umgebung ohne großen Aufwand erreichbar sind: Supermarkt, Apotheke, Post, Bank, Zeitschriftenladen, Café, Begegnungsstätte, Kirche, Bibliothek, Theater, Schwimmbad und ähnliches. Auch Ärzte, Sozialstationen und Einrichtungen der Nachbarschaftshilfe werden mit zunehmendem Alter immer wichtiger. In jeder größeren Wohnanlage für Senioren gehören Gemeinschaftseinrichtungen wie Tee- und Kaffeeküche, Werkraum, Gäste-Appartement, Bibliothek, Gymnastik- und Fernsehraum zum Standardangebot. Diese Räume sollten leicht erreichbar und gemütlich sein. Auch ein funktionierendes soziales Leben innerhalb der Anlage ist ein "Wohlfühl-Kriterium".
Aber vielleicht genügt ja auch der altengerechte Umbau der bisherigen Wohnung.
Rainer Link
Das Haus in Kürze
Die geförderte Seniorenwohnanlage am Zirkusweg auf dem Gelände des ehemaligen Hafenkrankenhauses ist im Mai 2002 bezogen worden. Bauherr: die GWG. Die 204 altengerechten Wohnungen, davon 10 barrierefrei und behindertengerecht, sind alle vermietet. 230 Senioren ab 60 Jahre mit mittleren und kleinen Einkommen leben in der betreuten Wohnanlage. Die Hausbetreuerloge ist von 7.00 bis 22.30 Uhr besetzt. Geboten werden Kiosk, Friseur, Fußpflege, Wintergärten, eine Bücherei und Pflegevollbäder zur allgemeinen Nutzung. Das Durchschnittsalter der Bewohner liegt bei 75 Jahren.
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