Alt in St. Pauli
Fahrstühle würden helfen, länger mobil und autonom zu bleiben
2.777 Menschen über 60 lebten 2009 im Stadtteil St. Pauli. Das sind rund 13% aller St. Paulianer. Bezogen auf Hamburg allerdings nicht viel, denn sonst ist fast schon jeder vierte Hamburger über 60 (24,3%). Mietraum² unterhielt sich mit Hanna Blase, der Leiterin des Seniorentreffs im Nachbarschaftsheim St. Pauli, über das Leben und Wohnen alter Menschen im größten Vergnügungsviertel Hamburgs.
MhM:
Frau Blase, Sie sind seit 20 Jahren Leiterin dieses Treffs. Viele alte St. Paulianer und Migranten nutzen die Freizeit- und Beratungsangebote und den Mittagstisch hier. Sie kennen die Sorgen und Nöte der Senioren. Können sich alte Menschen das Wohnen in St. Pauli noch leisten?
Hanna Blase:
Für den typischen St. Paulianer wird es langsam zu teuer. Die hier altgewordenen Hafen- und Fischfabrikarbeiter, Seeleute, und Menschen, die in der Reinigung und in der Gastronomie gearbeitet haben, alle die, die von Grundsicherung und kleinen Renten leben müssen, können sich das Leben hier immer weniger leisten und müssen schweren Herzens in andere Stadtteile wie Lurup, Osdorfer Born ziehen. Auch unsere türkischen Besucher bleiben länger als früher in der Türkei – wegen der hohen Lebenshaltungskosten in Hamburg.
MhM:
Woran liegt das?
H. B.:
An den Mieten und den fehlenden altengerecht nachgerüsteten Wohnhäusern. In St. Pauli wird viel saniert. Neu gebaut werden Wohnungen für andere, einkommensstärkere Zielgruppen. Die Sozialwohnungen auf St. Pauli sind von ihrer Kaltmiete her eigentlich günstig, aber die Gesamtmiete ist einfach zu hoch. Das liegt an den extrem hohen Nebenkosten. St. Pauli ist ein Touristenmagnet mit den üblichen Begleiterscheinungen, viel Müll und Dreck. Um alles sauber zu halten, werden die Gehwege fast täglich gereinigt. Diese Kosten werden den Bewohnern St. Paulis aufgebrummt – in ihren Betriebskostenabrechnungen. Gerechter wäre die Umlage der erhöhten Reinigungskosten auf die einschlägigen Gewerbebetriebe in St.Pauli. Durch die Modernisierung sind die Mieten gestiegen. Die SAGA fährt zwar zwei verschiedene Sanierungskonzepte, ein aufwändigeres für die Wohnungen mit Elblick und eine sog. einfache Modernisierung in dem Gebiet Erich-, Trommel-, Lincoln-, Finkenstraße und Herrenweide. Einfach heißt aber leider nicht, dass die Mieten hinterher bezahlbar bleiben.
MhM:
Was heißt für Sie altengerecht?
H. B.:
Was lässt im Alter nach? Das ist die Fähigkeit, Treppen zu steigen. Wenn also die Menschen möglichst lange in ihren Wohnungen bleiben sollen, dann braucht man in den Altbauten Fahrstühle oder Treppenlifte und bei den Neubauten müsste es eine Lifteinbaupflicht geben. Die alten Menschen wären wieder beweglicher, könnten mit Rollator ihre Einkäufe besorgen, Freunde besuchen, spazieren gehen. Dann wäre allen geholfen. Bisher geht das nicht. Das wäre doch mal eine Aufgabe für Ingenieure oder Architekten, herauszufinden, wie man Lifte in kleine Altbauten einbaut.
Und man bräuchte Badezimmer, in denen sich alte Menschen bewegen und möglichst lange selber versorgen könnten und später auch noch mit Hilfe einer Pflegekraft. Zwei Quadratmeter mehr und flache Duschen wären sicherlich sinnvoll investiert, um so lange wie möglich Selbstständigkeit zu erhalten.
MhM:
Und wie steht es mit einem Umzug in eine Parterrewohnung?
H. B.:
Parterre ist bei alten Menschen wegen der fehlenden Sicherheit unbeliebt, insbesondere hier auf St. Pauli. Aber ein niedrigeres Geschoss oder eine Wohnung mit Fahrstuhl, das wünschen sich viele der alten Leute.
MhM:
Gibt es auf St. Pauli überhaupt noch Wohnungen für alte Menschen?
H. B.:
Ich beobachte heute, dass nicht mehr an alte, vor allem hochbetagte Menschen vermietet wird. Das hängt mit den Problemen zusammen, die ein Versterben des Mieters nach sich ziehen kann. Die Erben sind oft nicht bekannt oder schlagen vielleicht das Erbe aus mit der Folge, dass der Vermieter letztlich auf den Kosten sitzenbleibt. Daran hat er natürlich kein Interesse. Das müsste man lösen, z.B. indem die Grundsicherung die Auflösung der Wohnung übernimmt – Tapeten entfernen und Ausräumen, vielleicht mit Ein-Euro-Kräften. Außerdem könnten in den Mietverträgen die Erben mit Namen, Adressen aufgeführt werden, damit der Vermieter im Fall des Ablebens einen Ansprechpartner hat.
MhM:
Eine Alternative wäre Betreutes Wohnen?
H. B.:
Auch das ist nicht so einfach für arme und alte Senioren. Im Zirkusweg gibt es zwar das Betreute Wohnen der GWG, das Haus wurde vor einigen Jahren gebaut. Doch auch dort bekommen einkommensschwache, alte Menschen aus St. Pauli nur schwer eine Wohnung. An Hochbetagte über 80 wird im Betreuten Wohnen nicht mehr vermietet. Dann bleibt, wenn nichts mehr geht nur noch das Altersheim. Das ist keine wirkliche Alternative. Oder die Menschen gehen einfach in ihren Wohnungen ein.
MhM:
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Karin Aßmus.
Seniorentreff Nachbarschaftsheim
St. Pauli e.V.
Silbersackstraße 14, 20357 Hamburg
Mit einem breitem Angebot für alle über 60.
Ihre Ansprechpartnerin Frau Blase ist unter Telefon 319 54 78 oder info@nbhstpauliat.de zu erreichen.










